Leipzigs Handball-Nationalspieler Bastian Roscheck im Interiew

Seine Nominierung für die derzeit laufende Handball-Europameisterschaft in Kroatien kam für viele sehr überraschend, hatte Bastian Roscheck doch gerade einmal zwei Länderspiele für die „Bad Boys“ absolviert. Der Kreisläufer von BELANTIS-Partner SC DHfK Leipzig war von Bundestrainer Christian Prokop ins Team berufen und damit für seine Bundesliga-Leistungen belohnt worden. Im Gespräch mit dem BELANTIS-Magazin berichtet der 26-Jährige von der EM und seiner verfrühten Abreise, nachdem er vom Bundestrainer nach dem enttäuschenden zweiten Vorrundenspiel gegen Slowenien (25:25) gegen den nachnominierten Finn Lemke von der MT Melsungen ausgetauscht worden war. Viel Zeit zum Nachdenken hat der gebürtige Krefelder nach der Rückkehr in die Leipziger Wahlheimat ohnehin nicht, steht doch bereits in Kürze eine wichtige Klausur im Rahmen seines Masterstudiums der Wirtschaftspsychologie an. Für das BELANTIS-Magazin nahm er sich dennoch Zeit.

Du bist gestern Abend wieder nach Hause zurückgekehrt. Wie war die Rückreise angesichts von Sturmtief „Friederike“?

 Ja, es war schon recht turbulent, aber im Vergleich zu vielen anderen bin ich wahrscheinlich ganz gut weggekommen. Wie geplant lief zwar nicht alles und ich musste auf verschiedene Alternativen zur Bahn ausweichen, aber Ende bin ich gut zu Hause angekommen.

Die Abreise war damit ja auch etwas sinnbildlich für die Achterbahnfahrt, die du in den vergangenen Wochen erlebt hast. Zunächst die überraschende Berufung in die Nationalmannschaft, dann die noch überraschendere Nominierung für die EM und schließlich die verfrühte Abreise. Wie lautet dein Fazit?

Im Endeffekt bin ich sehr stolz auf alles und ich möchte diese riesige Erfahrung keinesfalls missen. Aufgrund der Nominierung musste ich ja meine geplante Hochzeit verschieben, aber diese Entscheidung würde ich genauso wieder treffen. Ich hätte ja auch nie erwartet, dass ich mal an einer EM-Endrunde teilnehmen würde. Auf der anderen Seite: Wenn man dann einmal in diesem erlauchten Kreis und sogar bei einer EM dabei ist, möchte man natürlich auch so lange wie möglich dabei sein. Insofern sitzt die Enttäuschung im Moment noch etwas tiefer, aber das wird sich auch wieder legen. Ich bin mir sicher, dass ich das in positive Energie umwandeln kann.

Wie hast du denn deine Rolle innerhalb der Mannschaft für dich selbst wahrgenommen?

Ich kam natürlich als Neuling in die Mannschaft, weswegen es mir sicher auch nicht zustand, große Ansprüche zu stellen. Ich habe das auch immer betont, dass ich der Mannschaft so gut wie möglich helfen und meine eigenen Qualitäten einbringen möchte. Dazu gehört das schnelle und aggressive Abwehrspiel. Insofern habe ich meine Rolle auch so gesehen, dass ich die wenigen Spielminuten, die ich bekomme, nutze, um Impulse zu setzen und mich an die taktischen Vorgaben des Trainers zu halten. Das hat in meinen Augen auch gut funktioniert.

Wie hast du dich von der Mannschaft aufgenommen gefühlt?

Das war super. Die Nationalmannschaft funktioniert ja ähnlich wie eine Vereinsmannschaft. Die Jungs haben mich sehr gut aufgenommen.

Wie war die Zimmerkonstellation, mit wem hast du dir ein Zimmer geteilt?

Ich habe mir mit meinem Leipziger Teamkollegen Max Janke ein Zimmer geteilt. Bei der Nationalmannschaft ist es so, dass sich über die Jahre feste Konstellationen herauskristallisiert hatten. Und da wir beide neu waren, lag es auch nahe, dass wir zusammen das Zimmer teilen. Das war aber auch ganz gut, da wir uns untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen konnten.

Stichwort Leipzig: Der SC DHfK hatte mit drei Spielern bei der EM ja einen der stärksten Blöcke im deutschen Team gestellt. Darauf kann der Verein doch sicher stolz sein, oder?

Ja, das ist fast schon unglaublich. Es ist aber auch eine Anerkennung für den gesamten Verein. Als Mannschaft haben wir in den vergangenen Jahren eine grandiose Entwicklung genommen. Viele Spieler unseres Teams sind ja nicht als komplette Spieler nach Leipzig gekommen, sondern die meisten haben wichtige Karriereschritte in diesem Verein gemacht. Dazu zählt für viele auch der Aufstieg in die Bundesliga, wie beispielsweise für uns drei EM-Fahrer. Das spricht auf jeden Fall für die hervorragende Arbeit, die hier geleistet wird.

Was ging dir denn durch den Kopf, als dir der Trainer mitgeteilt hatte, dass er nun doch Finn Lemke nachnominieren wird?

Das kam natürlich überraschend, insbesondere weil wir gerade erst das zweite Gruppenspiel hinter uns gebracht hatten. Natürlich war ich sehr enttäuscht. Auf der anderen Seite hatte ich auch ein sehr konstruktives Gespräch mit dem Trainer, in dem er mir deutlich mitgeteilt hat, dass es einzig um taktische Gründe ging und nicht um meine persönliche Leistung. Deshalb konnte ich das zumindest ein Stück weit nachvollziehen. Außerdem steht für mich der Erfolg des gesamten Teams an erster Stelle, und wenn der Trainer der Ansicht ist, dass er ein anderes taktisches Mittel braucht, dann ist das vollkommen legitim. Christian hat von vornherein immer kommuniziert, dass er 20 Spieler in seinem EM-Kader hat und dass er bei Bedarf während des Turniers reagieren wird, wenn er es für richtig hält.

Also hegst du gar keinen Groll gegen den Trainer?

 Als Spieler sehe ich mich auch in der Position, dass ich die Vorgaben des Trainers bestmöglich zu erfüllen versuche. Christian hat mich auch in Leipzig ein Stück weit ausgebildet und gefördert, weswegen ich ihm auch viel zu verdanken habe. Auch jetzt hat er sich mir gegenüber jederzeit fair verhalten.

Was nimmst du aus dieser Erfahrung nun persönlich mit?

Das war einfach eine riesige Erfahrung. Man misst sich mit der europäischen Spitze und bekommt dadurch noch einmal ganz anderen Input von verschiedenen Spielern. Man sieht auch, woran man noch arbeiten muss oder aber welche Qualitäten man bereits hat. Für mich war das einfach auch eine riesige Anerkennung nach Jahren harter Arbeit. Das nehme ich jetzt wieder als Motivation mit, um dann in Zukunft auch wieder in der Nationalmannschaft dabei zu sein

Du kennst Christian Prokop wahrscheinlich wie kaum ein anderer derzeitiger Nationalspieler. Wie nimmst du ihn bei seiner ersten EM wahr?

Christian ist einfach ein sehr akribischer Arbeiter, so auch bei der EM. Das ist seine große Stärke. Er kann sich wahnsinnig gut auf jeden Gegner vorbereiteten und vermag es innerhalb kürzester Zeit, sein Team taktisch auf jeden Gegner einzustellen und den Spielern die passenden Lösungen mitzugeben. Das wird im Laufe der EM noch sehr wichtig werden.

In manchen Kommentaren schwingt der Vorwurf mit, dass er mitunter während der Spiele zu viele Wechsel vorgenommen hat. Würde der Mannschaft ein fester Kern vielleicht guttun?

Man kann das Ganze ja auch als Vorteil werten. Wir haben den Luxus, dass wir einen qualitativ sehr breiten Kader haben, weswegen ich es legitim finde, dass man versucht, diesen Kader in seiner Breite zu nutzen. Das Turnier ist auch so lang, dass man alle 16 Spieler in der richtigen Form braucht. Alle sollten das Gefühl haben, der Mannschaft auch wirklich helfen zu können. Das geht nur, wenn jeder seine Rolle und seine Spielanteile hat.

Hattest du manchmal das Gefühl, dass die Vorgaben des Trainers vielleicht nicht immer sofort verstanden werden von jenen Spielern, die ihn noch nicht so gut kennen?

Das ist für mich schwer zu beurteilen. Das taktische Konstrukt von Christian Prokop ist immens komplex. Ich glaube aber, dass die Mannschaft in der Vorbereitung und in den Testspielen vor der EM einen großen Schritt gemacht und im Wesentlichen verstanden hat, was der Trainer möchte. Nun gilt es noch, an den Feinheiten zu arbeiten und diese umzusetzen. Ich bin mir jedoch sicher, dass die Arbeit des Trainers langfristig Früchte tragen wird. 

Wie bewertest du die Stimmung im Team nach der Vorrunde?

Die Stimmung ist definitiv nicht schlecht. Fakt ist aber auch, dass die Mannschaft noch großes Potenzial hat, welches an manchen Stellen noch nicht vollständig ausgeschöpft wurde. Die Qualität ist auf jeden Fall hoch genug. Ich denke auch nicht, dass man sagen kann, dass die Vorrunde vollkommen schlecht war. Die Mannschaft geht jetzt mit zwei Punkten in die Hauptrunde und die Ausgangslage ist meines Erachtens sehr ordentlich. Wenn man es jetzt schafft, noch ein paar Kleinigkeiten zu verbessern, dann denke ich, dass das Turnier noch sehr erfolgreich werden kann. Die Qualität dafür hat das Team auf jeden Fall.

Bringt ein Typ wie Finn Lemke deiner Meinung nach weitere Emotionalität ins Team?

Klar ist er ein emotionaler Spieler. Generell würde ich jedoch sagen, dass sich Emotionalität mit einer gewissen Zugehörigkeit zum Team entwickelt. Ein Spieler, der bereits längere Zeit im Team dabei ist, hat natürlich eine andere Bindung als neue Spieler. Dahinter steckt einfach ein längerer Prozess.

Das dritte Vorrundenspiel gegen Mazedonien hattest du von der Tribüne aus verfolgt. Wie war das für dich?

Das ist natürlich keine einfache Situation. Allerdings geht es in solch einer Situation ja nicht um mich. Deswegen habe ich natürlich auf der Tribüne mitgefiebert und das Team unterstützt.

Nun hättest du ja trotz dessen, dass du außen vor warst, auch weiterhin in Kroatien beim Team bleiben können. Warum hast du dich dagegen entschieden?

In erster Linie wollte ich einfach auch keine Unruhe reinbringen und damit der Mannschaft möglicherweise schaden. Außerdem geht es für mich jetzt auch einfach darum, mich wieder auf den Verein zu konzentrieren und ihm weiterzuhelfen. Wir haben ja auch einen neuen Trainer (Michael Biegler, d. Red.), weswegen es mir wichtig ist, in die Abläufe reinzukommen, sodass wir auch als Verein weiterhin erfolgreich sind. Und wenn ich bei der EM doch noch einmal gebraucht werde, steht der Koffer gepackt parat und ich bin jederzeit bereit, wieder zur Mannschaft zu stoßen. Aber natürlich wünsche ich niemandem eine Verletzung.

Heute beginnt nun für das deutsche Team die Hauptrunde gegen die Überraschungsmannschaft von Tschechien. Wie siehst du den heutigen Gegner und was erwartest du für die Hauptrunde?

Tschechien ist auf jeden Fall ein sehr unangenehmer Gegner, der durch die etwas unerwarteten Siege gegen Ungarn und Dänemark gehörig Rückenwind hat. Trotzdem sehe ich die Qualität der deutschen Mannschaft deutlich höher. Wenn diese Qualität abgerufen wird, dann wird unser Team auch gewinnen. Danach kommen mit Spanien und Dänemark zwei Weltklasse-Gegner, die beide eine unfassbare individuelle Qualität haben. In beiden Spielen kommt es darauf an, als Mannschaft geschlossen dagegen zu halten und das eigene Konzept perfekt umzusetzen.

Nun bist du am Ende des Turniers vielleicht trotz deiner Abreise ein Europameister. Glaubst du daran?

Ich glaube auf jeden Fall daran, dass das Team es schaffen kann. Die Qualität ist auf jeden Fall da. Am Ende werden die Kleinigkeiten entscheiden, ob man ins Halbfinale kommt oder das Finale erreicht. Die europäische Spitze ist einfach so eng, dass bereits wenige falsche Pässe oder technische Fehler dazu führen, dass man Spiele verliert und aus dem Turnier ausscheidet.

Dann wünschen wir dir weiterhin viel Erfolg und alles Gute! Viel Erfolg außerdem bei deinen Prüfungen!

 

Bilder: dpa

 

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